Inmitten der geschäftigen Straßen Bremens, wo das Leben pulsiert und die Menschen ihren täglichen Angelegenheiten nachgehen, gibt es einen Ort, der oft im Schatten bleibt – das Bremer Institut für Rechtsmedizin. Hier ist Olaf Cordes der Direktor, ein Mann, dessen Arbeit oft unbemerkt bleibt, aber von entscheidender Bedeutung ist. Cordes und sein Team führen jährlich etwa 9000 qualifizierte Leichenschauen durch. Dabei geht es nicht nur um die bloße Feststellung des Todes, sondern um die Aufklärung von Rätseln, die das Leben hinterlassen hat.
Obduktionen bei Mord, Suizid, Unfall oder dem einsamen Tod sind Teil des Alltags von Cordes. Tatsächlich wurden im vergangenen Jahr nur 100 Obduktionen durchgeführt, meist im Auftrag der Staatsanwaltschaft. Eine Zahl, die in einem anderen Licht erscheint, wenn man bedenkt, dass die Rechtsmedizin regelmäßig ungeklärte Todesursachen aufdeckt – sogar bei Fällen, die anfänglich als Suizid eingestuft wurden. Der Anstieg von Femiziden und den Fällen von allein verstorbenen Personen ist alarmierend und macht die Arbeit von Cordes und seinem Team umso wichtiger.
Die Kunst der Leichenschau
Was viele nicht wissen: Jeder Tod muss von einem approbierten Arzt oder einer Ärztin untersucht werden. Diese Pflicht ergibt sich aus den Leichen-, Friedhofs- oder Bestattungsgesetzen der Bundesländer. Eine Leichenschau muss unverzüglich nach dem Tod erfolgen. Dabei ist der Zeitpunkt entscheidend, um die Todesursache korrekt zu ermitteln – ob sie natürlich, unnatürlich oder ungeklärt ist. Wenn ein Arzt eine Leichenschau nicht ordnungsgemäß durchführt, kann das ernsthafte rechtliche Konsequenzen nach sich ziehen. Verstoßen gegen die Leichenschaupflicht kann als Ordnungswidrigkeit geahndet werden, mit Geldbußen bis zu 25.000 Euro. Das zeigt, wie ernst diese Angelegenheit genommen wird.
Cordes selbst ist seit 2002 im Institut tätig und leitet es nun seit zehn Jahren. Seine Vorliebe für die abwechslungsreiche Arbeit spiegelt sich in seiner Leidenschaft wider. Bei der Obduktion wird der Körper gründlich untersucht, Schädel-, Brust- und Bauchhöhle geöffnet, Blut-, Urin- und Gewebeproben entnommen. In einem Rekordjahr 2019 wurden 300 Leichenschaua durchgeführt, während die Zahl im Jahr 2022 auf 100 fiel. Es ist eine erschreckende Entwicklung, die auf ein weiteres Phänomen hinweist: die Schwierigkeiten, die Todesursachen richtig zu klassifizieren.
Die Herausforderungen der Todesursachenbestimmung
Die Feststellung der Todesursache ist nicht immer eine einfache Aufgabe. Natürliche Todesursachen müssen bei sicherer Evidenz einer Erkrankung attestiert werden, während unnatürliche Todesursachen äußere Einwirkungen oder ärztliche Kunstfehler umfassen. Abhängig von den Umständen müssen bei der Feststellung der Todesursache auch behandelnde Ärzte konsultiert werden. Eine umfassende Anamnese ist ein Muss. Bei Verdacht auf einen Tötungsdelikt dürfen am Leichnam keine Veränderungen vorgenommen werden. Diese sorgsame Vorgehensweise ist entscheidend, um auch die kleinsten Hinweise nicht zu übersehen.
Ein Beispiel aus der Praxis: Cordes berichtete von einem Fall, in dem eine Frau zunächst als Suizid eingestuft wurde, sich jedoch herausstellte, dass sie erstickt wurde. Diese Geschichten sind es, die die Relevanz der Rechtsmedizin unterstreichen. Es sind nicht nur Zahlen und Fakten, es sind Schicksale, die aufgedeckt werden und manchmal sogar Gerechtigkeit nach sich ziehen. Es sind die kleinen Details – wie die Temperaturmessung des Körpers, die zur Bestimmung der Todeszeit beiträgt – die von großer Bedeutung sind.
Ein Blick in die Zukunft
Mit der Einführung der qualifizierten Leichenschau in Bremen im Jahr 2017 wird jeder Tote zusätzlich von einem Rechtsmediziner untersucht. Diese Maßnahme ist ein Schritt in die richtige Richtung, um die Aufklärung von Todesursachen zu verbessern. Die Deutsche Gesellschaft für Rechtsmedizin hat Leitlinien zur Durchführung der Leichenschau veröffentlicht, die bis 2027 Gültigkeit haben. Sie regeln die Durchführung und die notwendigen Feststellungen, die bei jedem Todesfall zu beachten sind.
Die Arbeit von Olaf Cordes und seinem Team zeigt, dass die Rechtsmedizin nicht nur eine medizinische Disziplin ist, sondern auch eine menschliche. Hinter jedem Fall stecken Geschichten, die erzählt werden müssen, und es ist die Pflicht der Rechtsmedizin, diese Geschichten ans Licht zu bringen. In einer Stadt wie Bremen, die von Geschichte durchzogen ist, ist das eine Aufgabe, die oft übersehen wird, aber dennoch von unschätzbarem Wert ist.