Heute ist der 29.05.2026 und die Ereignisse rund um den Klette-Prozess in Verden bleiben spannend. In einer umgebauten Reithalle, die nun als Gericht fungiert, wird derzeit eine der umstrittensten Verhandlungen des Landes geführt. Die mutmaßliche frühere RAF-Terroristin Daniela Klette steht im Fokus, und das nicht nur aufgrund ihrer fragwürdigen Vergangenheit, sondern auch wegen eines Vorfalls, der einen Journalisten in die Schusslinie der Ermittlungen brachte.
Reporter Jürgen Hinrichs vom Weser-Kurier ist ein regelmäßiger Gast in diesem Gerichtssaal. Doch während einer Verhandlungspause wurde seine Anwesenheit plötzlich zum gefährlichen Spiel. Die Polizei sprach ihn an und beschlagnahmte seine persönlichen Gegenstände, darunter einen Transponder, der zur Öffnung eines Garagentors im Pressehaus dient. Auf diesem Transponder wurden sprengstoffähnliche Anhaftungen gefunden. Die Herkunft dieser Substanz bleibt unklar – schließlich wird das Dienstauto von verschiedenen Journalisten genutzt. Hinrichs wurde zur Polizeiwache gebracht, wo er erkennungsdienstlich behandelt wurde. Ein harter Schlag für die Pressefreiheit, der nicht unbemerkt blieb.
Ein aufreibender Prozess
Der Prozess gegen Klette selbst ist von schwerwiegenden Vorwürfen geprägt. Sie wurde wegen besonders schweren Raubes in sechs Fällen, versuchten schweren Raubes in zwei Fällen, Verstößen gegen Waffengesetze und erpresserischem Menschenraub verurteilt. Die Staatsanwaltschaft forderte sogar 15 Jahre Haft wegen versuchten gemeinschaftlichen Mordes und schweren bandenmäßigen Raubes mit Waffen. Der Hintergrund dieser schweren Anklagen? Ein bewaffneter Überfall auf einen Geldtransporter im Jahr 2015 in Stuhr, bei dem glücklicherweise niemand verletzt wurde – „großes Glück“, wie der Richter bemerkte. Die Schützen sollen „aus freien Stücken abgelassen“ haben, was die Situation noch skurriler erscheinen lässt.
Klette, die zwischen 1999 und 2016 an Überfällen beteiligt gewesen sein soll, hat in ihrer Wohnung in Berlin nicht nur Waffen, sondern auch Bargeld und wertvolle Gegenstände wie ein Kilogramm Gold vorrätig gehabt. Die Beweise sprechen für sich: Fotos, Skizzen und Aufzeichnungen von ausspionierten Supermärkten und Polizeiwachen wurden ebenfalls sichergestellt. Der Prozess vor dem Landgericht Verden behandelt all diese Überfälle, die zur Finanzierung von Klettes Leben im Untergrund dienten. Ihre Verteidigung fordert einen Freispruch in vielen Fällen, da die Beweise für ihre direkte Beteiligung nicht ausreichen.
Pressefreiheit unter Druck
Jürgen Hinrichs hat sich unterdessen in einer Zwickmühle befunden. Trotz der Rückgabe seines Handys und des Transponders, die als harmlos eingestuft wurden, bleibt die Sorge um die Pressefreiheit. Chefredakteur Benjamin Piel protestiert gegen die Maßnahmen der Behörden, während Markus Westermann von der Gewerkschaft Verdi vehement Bedenken äußert. Die Staatsanwaltschaft hat sogar ein Ermittlungsverfahren gegen Hinrichs eingeleitet – ein besorgniserregendes Signal für alle Journalisten, die über heikle Themen berichten.
Klette selbst hat sich in dem Prozess indirekt bedauert über die Traumatisierung der Beteiligten geäußert, jedoch keine konkreten Aussagen zu den Taten gemacht. Ihre mutmaßliche Mitgliedschaft in der RAF ist verjährt, doch die Schatten ihrer Vergangenheit scheinen sie weiterhin zu verfolgen. Selbst die Bundesanwaltschaft hat Anklage wegen versuchten Mordes und anderen schweren Vergehen erhoben. Ein abschließendes Urteil steht noch aus, die Verteidiger haben Revision eingelegt, und die Ungewissheit über die zukünftige Nutzung der Halle in Verden bleibt bestehen.
