Heute ist der 12.07.2026 und in der Vahr gibt es mal wieder Gesprächsstoff. Das Thema Perfektionismus ist in aller Munde. Dr. Nathalie Claus, Psychologische Psychotherapeutin und Vertretungsprofessorin für Klinische Psychologie an der Universität Bremen, hat kürzlich die Auswirkungen dieses Phänomens beleuchtet. Ihr zufolge kann Perfektionismus die Karriere im Berufsleben ganz schön ausbremsen. Wer sich ständig unter Druck setzt, perfekt zu sein, erlebt oft eine Achterbahn der Gefühle. Ein Gefühl, das die Betroffenen nur zu gut kennen: der ständige Kampf, Fehler zu vermeiden und Erwartungen zu erfüllen. Doch was steckt wirklich hinter diesem Drang nach Fehlerlosigkeit?

Eine Studie der London School of Economics zeigt, dass besonders junge Menschen heutzutage unter einem enormen Druck leiden, perfekt zu sein. Das setzt sich in den sozialen Medien fort, wo jeder einen Highlight-Clip seines Lebens präsentiert. Perfektionismus wird als unrealistisches Leistungsstreben definiert – man möchte einfach niemals einen Fehler machen. Doch was passiert, wenn man die eigenen Ziele nicht erreicht? Der Selbstwert sinkt, und das kann fatale Folgen für die psychische Gesundheit haben. Korrelationen zwischen Perfektionismus und psychischen Störungen wie Zwangsstörungen, Essstörungen oder sogar Suizidgedanken sind alarmierend. Thomas Grünschläger, Vorsitzender des Bundesbundesverbandes Burnout und Depression e.V., berichtet von einem besorgniserregenden Anstieg an Fällen, in denen Menschen an Perfektionismus leiden. Es ist kein Wunder, dass viele sich ständig selbst kontrollieren, Angst vor dem Versagen haben oder in extreme Prokrastination verfallen.

Die Schattenseite des Perfektionismus

Aber Perfektionismus hat nicht nur dunkle Seiten. Manchmal kann ein gewisses Maß an Perfektionismus auch motivierend sein. Das zeigt eine Untersuchung von Lischetzke et al. (2024), die den Einfluss von Prokrastination auf das Wohlbefinden untersucht hat. Die Forscher fanden heraus, dass perfektionistisches Streben – also das Setzen hoher Ziele – durchaus positive Effekte haben kann, solange man nicht in die Falle der Prokrastination tappt. Teilnehmer, die weniger prokrastinierten, empfanden ihren Perfektionismus als weniger belastend. Das klingt ja fast schon ermutigend, oder? Doch bei denen, die ständig aufschoben, hatte dieser Drang einen negativen Einfluss auf ihr Wohlbefinden.

Dr. Claus empfiehlt, Lebensbereiche zu fördern, in denen nicht der persönliche Fortschritt im Vordergrund steht. Rationale Kosten-Nutzen-Rechnungen können helfen, den inneren Druck zu lindern. Das klingt einfacher gesagt als getan. Ein Selbsttest zur Einschätzung von Perfektionismus umfasst neun Fragen. Wer mindestens fünf „Ja“-Antworten hat, könnte sich in einem gefährlichen Bereich bewegen. An der Hochschulambulanz der Universität Bremen wird ab Herbst sogar eine Gruppentherapie für Personen mit Perfektionismus als psychischer Störung angeboten.

Die Ursachen und deren Auswirkungen

Was treibt Menschen dazu, sich so unter Druck zu setzen? Die Ursachen sind oft in der Kindheit zu finden. Elterliche Erziehung, hohe Erwartungen und überkritische Erziehungsstile können Perfektionismus fördern. Aber auch gesellschaftliche Ideale und der Leistungsdruck in Bildung und Beruf spielen eine Rolle. Der ungesunde Perfektionismus kann zu chronischem Stress, Angststörungen und sogar Depressionen führen. Menschen, die unter überhöhtem Perfektionismus leiden, neigen häufig zu übermäßiger Selbstkritik. Das schwächt das Selbstwertgefühl und führt zu sozialen Konflikten oder Isolation.

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Ein gesundes Gleichgewicht zwischen hohen Ansprüchen und Selbstakzeptanz ist entscheidend. Strategien zur Bewältigung von ungesundem Perfektionismus sind Selbstreflexion, realistische Zielsetzungen und Selbstmitgefühl. Der Bundesverband Burnout und Depressionen e.V. bietet monatlich Selbsthilfegruppen zum Thema „Perfektionismus loslassen“ an. Das klingt nach einer wertvollen Möglichkeit, um mit dem Druck umzugehen und sich selbst etwas mehr Luft zu verschaffen.

Ehrlich gesagt, das Thema ist komplex und vielschichtig. Die Balance zwischen dem Streben nach Höchstleistungen und dem Akzeptieren von Unvollkommenheit ist für viele eine tägliche Herausforderung. Manchmal hilft es einfach, sich selbst ein wenig mehr zu verzeihen und zu akzeptieren, dass niemand perfekt ist. Und das ist wohl auch ganz menschlich.