In den Bremer Notaufnahmen ist die Realität für das Pflegepersonal oft alles andere als rosig. Gewalt, sei es in Form von psychischen oder körperlichen Übergriffen, gehört mittlerweile zum Klinikalltag. Laut dem Krankenhaus-Barometer 2025 des Deutschen Krankenhausinstituts haben gut zwei Drittel der Kliniken von derartigen Vorfällen berichtet. Besonders alarmierend ist die Zunahme von Übergriffen, die in einer aktuellen Befragung von Bremer Kliniken bestätigt wurde. Dies hat zur Folge, dass Maßnahmen zum Schutz des Pflegepersonals verstärkt werden.
Die Pflegekraft Dilay Firidin schildert aus erster Hand die Herausforderungen, mit denen sie täglich konfrontiert ist. Sie berichtet von psychischer und sexueller Gewalt, die während Routineuntersuchungen, wie etwa beim Blutabnehmen, vorkommen. Unangemessene Berührungen sind dabei keine Seltenheit. In einem besonders beunruhigenden Vorfall wollte ein Patient sie sogar bis zu ihrem Auto begleiten und bespuckte sie. Solche Erfahrungen sind nicht nur für Firidin belastend, sondern werfen auch ein Licht auf die Dunkelziffer von Übergriffen, die in den Bremer Krankenhäusern erfasst werden, jedoch oft unbemerkt bleiben.
Schutzmaßnahmen und Deeskalationstraining
Um dem steigenden Gewaltpotenzial entgegenzuwirken, setzen die Bremer Kliniken auf einen umfassenden Maßnahmenkatalog. Dazu gehören unter anderem Konflikt- und Deeskalationsmanagement-Kurse (KDM), die mittlerweile Standard in allen Kliniken sind. Diese Schulungen helfen den Mitarbeitern, Eskalationen zu erkennen und Techniken zur Selbstbehauptung zu erlernen. Firidin betont, dass ihr das Deeskalationstraining ein gesteigertes Selbstvertrauen gegeben hat, was in solchen kritischen Situationen von unschätzbarem Wert ist.
Zusätzlich werden Sicherheitsdienste und Videoüberwachung implementiert, um das Personal zu schützen. Ein internes Alarmsystem, das Codes zur Alarmierung nutzt, sowie das Tragen von Schrillalarmen sind weitere Maßnahmen, die zur Sicherheit des medizinischen Personals beitragen sollen. Auch das St.-Joseph-Stift hat ein offenes Gruppenangebot für seine Mitarbeiter ins Leben gerufen, um einen Raum für den Austausch und die Verarbeitung dieser belastenden Erfahrungen zu schaffen.
Gesellschaftliche Herausforderungen und politische Reaktionen
Die zunehmende Aggressivität in den Notaufnahmen ist nicht nur ein Problem für die Bremer Kliniken, sondern ein bundesweites Phänomen. Laut Gerald Gaß, dem Chef der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), ist die Notwendigkeit von Sicherheitsstrategien unumgänglich. Er fordert finanzielle Unterstützung für Sicherheitsmaßnahmen wie Deeskalations- und Verteidigungskurse, da die Kliniken die Kosten für Sicherheitsdienste derzeit selbst tragen müssen.
Gaß und Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, plädieren für härtere Strafen bei Übergriffen auf Klinikpersonal. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken unterstützt diese Forderung ebenfalls und betont, dass Angriffe auf Helfer inakzeptabel sind. Eine härtere Ahndung solcher Übergriffe soll die gesellschaftliche Ablehnung von Gewalt gegen medizinisches Personal verdeutlichen. Der Vorschlag eines bundesweiten, unbürokratischen Meldesystems zur Dokumentation von Vorfällen ist ein weiterer Schritt in die richtige Richtung, um diese Gewalttaten ins öffentliche Bewusstsein zu rücken.
Die Situation in den Bremer Kliniken spiegelt nicht nur die Herausforderungen im Gesundheitswesen wider, sondern zeigt auch, wie wichtig es ist, das Pflegepersonal zu schützen und ihre Stimmen zu hören. Nur durch umfassende Sicherheitsmaßnahmen und ein starkes gesellschaftliches Bewusstsein kann der Trend der Gewalt gegen medizinisches Personal gestoppt werden.