Im Steintor, einem Stadtteil, der viel erlebt hat, schält sich eine dunkle Vergangenheit aus dem Nebel der Geschichte. Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei, kurz NSDAP, fand hier ihre Wurzeln und wuchs in den späten 1930er-Jahren zu einem beachtlichen Einfluss heran. Herbert Schwarzwälder, ein Kenner der Bremer Geschichte, schätzt die Mitgliederzahl der NSDAP in Bremen damals auf etwa 8000. Das entspricht etwa 2,3 Prozent der damaligen Bevölkerung von 353.000. Ein kleiner, aber verschworener Kreis, der sich schnell vergrößerte, besonders nach der Machtübernahme Hitlers im März 1933.
Die Ortsgruppe Steintor war ein bemerkenswerter Teil dieses Gefüges. 1938 zählte sie 784 Mitglieder und hatte 1162 Bewerber auf dem Tisch, was 4,6 Prozent der 17.000 Einwohner dieses Stadtteils entspricht. Viele Steintor-Bewohner waren nicht nur in der NSDAP aktiv, sondern auch in der Deutschen Arbeitsfront (DAF) und anderen Gliederungen des Regimes. Hier wurde ein Netzwerk geknüpft, das weit über die politischen Ideologien hinausging.
Der Aufstieg der NSDAP und das Leben im Steintor
Die erste Ortsgruppe der NSDAP wurde im Dezember 1922 im Steintor gegründet. Es war eine Zeit, in der kleine Angestellte und Arbeiter anfällig für die Parolen der Nationalsozialisten waren. Das anfängliche Interesse war jedoch begrenzt. Die Bremer NSDAP wurde 1923 für mehr als ein Jahr verboten, und die Mitgliederzahlen schwankten stark. 1930 waren es immerhin schon rund 1000 Menschen, die zur NSDAP gehörten. Doch die wirkliche Welle kam erst mit der Reichstagswahl am 5. März 1933, die der NSDAP zu einem massiven Anstieg der Mitgliederzahlen verhalf. Spötter nannten die Neuankömmlinge „Märzgefallene“.
Ein wesentliches Problem blieb jedoch: die „Karteileichen“. Viele Mitglieder waren inaktiv, was die Stärke und den Einfluss der Partei in der Bevölkerung relativierte. Im Kreis Bremen war fast die Hälfte der NSDAP-Mitglieder nicht aktiv. Dennoch, die Aufnahmesperre für neue Mitglieder wurde 1939 aufgehoben, was einen weiteren Anstieg der Mitgliederzahlen nach sich zog. Hier zeigt sich, wie das Engagement der NSDAP in Bremen sowohl von einer starken Mobilisierung als auch von einer merklichen Passivität geprägt war.
Volkssturm und die letzten Tage des Krieges
Ab November 1944 wurde die Situation in Bremen noch chaotischer. Hitlers Führererlass von September 1944 legte fest, dass „waffenfähige Männer im Alter von 16 bis 60 Jahren“ für den Volkssturm rekrutiert werden sollten. Dieser Volkssturm organisierte sich in Kompanien unter der Leitung von mittelrangigen SA-Mitgliedern. Max Schümann, der Kreisleiter, war verantwortlich für die gesamte Aktion in Bremen. Rund 25.000 Männer und Jungen, darunter 500 Hitlerjungen, wurden registriert. Die Vereidigung fand am 12. November 1944 statt, gefolgt von militärischer Ausbildung, wobei insbesondere der Umgang mit der Panzerfaust gelehrt wurde.
Doch die Front rückte näher. Ab Februar 1945 begannen die Alliierten, Flugblätter über Bremen abzuwerfen, die den Kriegsverlauf ganz anders darstellten. Die britischen Truppen nahmen Bremen am 10. April 1945 unter Artilleriebeschuss. Am 20. April warfen sie Flugblätter mit einem Ultimatum ab, das die bedingungslose Übergabe der Stadt innerhalb von 24 Stunden forderte. Die Stadtführung entschied sich am 21. April, die Stadt zu verteidigen – eine Entscheidung, die in den folgenden Tagen viele Opfer fordern sollte.
Das Ende der NS-Herrschaft
Die Luftangriffe führten zu massiven Zerstörungen und zahlreichen Toten. Am 26. April 1945 war Bremen bis auf das Hafenviertel eingenommen, und der Bürgermeister verkündete die Kapitulation der Stadt. Bei den Kämpfen starben etwa 225 deutsche Soldaten und 550 Zivilisten. Am 27. April marschierten die britischen Truppen in die Bremischen Häfen ein. Die Diktatur der Nationalsozialisten in Bremen endete also neun Tage vor der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht. Damit wurde eine dunkle Ära beendet, die Bremen nicht nur politisch, sondern auch gesellschaftlich geprägt hatte.
In dieser Zeit wurden auch zahlreiche Arbeitslager für Kriegsgefangene und Regimegegner errichtet, in denen viele unter katastrophalen Bedingungen lebten und arbeiteten. Die Luftangriffe der Alliierten führten zu massiven Zerstörungen in Bremen und infolgedessen zu vielen Todesopfern. Die Erinnerung an diese Zeit ist heute Teil des kollektiven Gedächtnisses Bremens. Initiativen zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus haben in den letzten Jahrzehnten zugenommen, mit Gedenktafeln und Stolpersteinen, die an die Verfolgten erinnern.
